Ehrenamt in Bibliotheken : Eine Glosse und Überlegungen
Jürgen Plieninger, Institut für Politikwissenschaft, Bibliothek
2050 Tübingen. Die ehrenamtlichen Lehrkräfte der Universität erwägen, in Streik zu treten. Wie die GdE, die Gewerkschaft der Ehrenamtlichen, mitteilte, sei mit den Plänen der Landesregierung, auch den ordentlichen Honorarprofessoren nun noch die Aufwandsentschädigungen zu streichen, das Ende der Fahnenstange erreicht. Die Gewerkschaft wies darauf hin, dass man bei den Sparplänen auch die einzige Gruppe von bezahlten Beschäftigten der Universität, die Dekanatsassistenten, Prüfungsamtsleiter und Geschäftsführer der Institute mit einbeziehen müsse. Darauf erwiderte ein Sprecher dieser Gruppe, er könne nur davor warnen, dem Sozialneid noch mehr Nahrung zu geben. Die Arbeit an diesen Stellen müsse professionell erledigt werden, während alle anderen Arbeiten seit Jahrzehnten ehrenamtlich erledigt würden.
Währenddessen weist das Institut für Ethnologie darauf hin, dass es in früheren Zeiten keineswegs üblich war, unentgeltlich zu arbeiten. Das Institut wies sich als Trendsetter in dieser Beziehung aus, beispielsweise habe man bereits zu Anfang des Jahrhunderts die Institutsbibliothek mit Ehrenamtlichen verwaltet, was damals kaum üblich war. Man habe damals mit Hilfe von unentgeltlich arbeitenden Studierenden die Öffnungszeiten der Bibliothek aufrecht erhalten können. Nach und nach sei dieses Modell in der ganzen Universität zuerst von anderen Bibliotheken und dann von anderen Bereichen der Universität übernommen worden. Ebenso wies auch der Universitätsrat der Universität darauf hin, dass er als Gremium schon von Anfang an ehrenamtlich gearbeitet habe und somit ebenfalls als Trendsetter bezeichnet werden könne.
Ist diese Glosse eine ernst zu nehmende futurologische Perspektive oder eine Satire auf die Gegenwart? Jedenfalls deutet der letzte Absatz darauf hin, dass - über das Paradebeispiel der UB hinaus - die Frage der Abgrenzung professioneller von ehrenamtlicher Beschäftigung nicht einfach ist. Wenn man die Frage aus gewerkschaftlicher Perspektive sieht, so ist die Antwort einfach: Notwendige Arbeit muss bezahlt werden, wofür Dauerstellen eingerichtet werden müssen. Aus Arbeitgebersicht - und das ist eben zunehmend auch die Sicht der Institute - ist es unter den Rahmenbedingungen knapper werdender Haushaltsmittel und sinkender Stellenzahl attraktiv, gewohnte Standards nicht aufgeben zu müssen, sondern mit Hilfe von außen aufrecht erhalten zu können. Auf der Ebene des Geldes ist es ja bereits längst verbreitet, dass man nicht nur von den Etatmitteln lebt, sondern auf Mittel von außen, eben "Drittmittel" rekurriert. Warum soll man dann nicht auf eine Währung anderer Art, eben den Import freiwilliger Arbeit zurückgreifen können? Die Widerstände zeigen, dass hier doch eine andere Qualität gegeben ist als beim reinen Transfer von Investitionsmitteln von außen.
Es handelt sich also um die Frage der Grenze zwischen professioneller und ehrenamtlicher Arbeit. Was sind die Vor- und Rahmenbedingungen, um ehrenamtliche Kräfte einzusetzen? Wo sind in der bisherigen Situation blinde Flecken, die es zu bedenken gilt?
1. Ehrenamt als Jobkiller
Ganze Bibliotheken werden ehrenamtlich betrieben, wie z.B. manche Krankenhaus- oder kommunale Bibliothek. Wird diese Tendenz nicht nach und nach auch auf den Sektor der wissenschaftlichen Bibliotheken übergreifen? Nun, wir haben an manchen Bibliotheken bereits ehrenamtliche Arbeit, wenn beispielsweise Studierende die Aufsicht ehrenamtlich übernehmen, um überhaupt erträgliche Öffnungszeiten zu garantieren.
Allerdings: Wo dies stattfindet, auch in den betroffenen kommunalen und anderen Bibliotheken, wird niemand dies als den Königsweg der Bibliotheksverwaltung bezeichnen wollen, sondern es stets als Notlösung sehen. Es sind zudem keine Heerscharen von Freiwilligen, die bereit stehen, die Arbeit von Festangestellten zu übernehmen, im Gegenteil, es ist ein mühsames Geschäft, sie zu werben, einzulernen, zu organisieren und bei der Stange zu halten. Insofern sollte man die Kirche im Dorf lassen und nicht befürchten, dass der Untergang des Abendlandes bevorsteht.
2. Ehrenamt als Ersatz professioneller Arbeit
Die Leistungsfähigkeit von Wirtschaft und Verwaltung hängt von professioneller Arbeit ab. Professionelle Kräfte lassen sich nicht leicht ersetzen, weder in der Wissenschaft noch sonst wo. Wenn wieder einmal davon die Rede ist, dass man berufsunfähige Lehrer/innen doch in Bibliotheken einsetzen könne, dann ist das nicht ein Zeugnis der Tatsache, dass die Arbeit von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren leichter zu ersetzen wäre als in anderen Berufsfeldern, sondern vielmehr der Geringschätzung der Arbeit und der Leistung von Bibliothekaren.
Wer schon einmal als Eltern erlebt hat, wie schwer es in einem Kindergarten oder einer Schule ist, wenn die Putzkräfte durch ehrenamtliche Elternputzdienste ersetzt werden sollen (und man später dann wieder auf professionelle Lösungen umschwenkt), der kann abschätzen, wie wenig es bei höher qualifizierten Berufen möglich ist, professionell erbrachte Leistung zu ersetzen. Wo also bestimmte Dienste zuverlässig über eine längere Zeit hinweg in höherer Qualität erbracht werden müssen, ist kein Platz für Lösungen, welche auf ehrenamtliche Arbeit setzen.
3. Ehrenamt in der Praxis
Es wurde oben bereits angesprochen: Wer auch immer in der Konzeption auf einen breiteren Einsatz ehrenamtlicher Kräfte setzt, der muss sich eingehend Gedanken über Werbung, Schulung und Motivation machen. Ehrenamtliche Kräfte sind eben nicht leicht für alle Tätigkeiten zu bekommen. Ein Beispiel aus einer Krankenhausbibliothek: Es ist immer leicht, Kräfte zu werben, die mit dem Bücherwagen über die Stationen gehen und ausleihen. Dagegen ist es schwierig, dauerhaft jemand zu bekommen, welche/r die Verwaltungstätigkeiten erledigt. Scheinbar ist das Bild der Tätigkeit eng mit dem Kontakt mit den Kranken, dem Gespräch und der Vermittlung von adäquater Literatur verbunden. Bücherkärtchen ordnen, wieder in die Bücher zurückstecken, fehlenden Büchern hinterher telefonieren, - all das hat anscheinend wenig mit der Motivation, in einer Krankenhausbibliothek zu arbeiten, zu tun.
Wenn wir das bisher Gesagte auf die Fakultäts- und Institutsbibliotheken übertragen wollen, dann lässt sich vielleicht folgendes sagen:
- die Motivation von Menschen, ehrenamtlich tätig zu werden, hängt eng mit ihrer Nähe zur Bedarfssituation zusammen. So hat man beispielsweise eher Chancen, Studierende als freiwillige Bibliotheksaufsichten zu gewinnen, wenn die Notlage, z.B. bei Öffnungszeiten, evident ist. Ein weiteres Beispiel wären Menschen mit einer besonderen Qualifikation, welche für Extraaktionen gewonnen werden könnten. Bei den Öffentlichen Bibliotheken wären das beispielsweise Sponsoring-Aktivitäten, besondere Förderungsmaßnahmen (Vorlesen) oder Veranstaltungen. Und was wären denkbare und attraktive Betätigungsfelder in wissenschaftlichen Bibliotheken?
- Denjenigen, welche öffentlich und vielleicht auch in den Einrichtungen den Einsatz von Ehrenamtlichen leichter Hand propagieren, ist nicht so klar, dass damit auch nicht gering zu schätzender Aufwand verbunden ist, den Einsatz von Ehrenamtlichen richtig zu organisieren. Neben der richtigen Werbung (z.B. beim Förderverein des Instituts) ist eine gute Einführung, transparente Organisation, fortgesetzte Motivation vonnöten. Und nicht zuletzt: Man muss den Ehrenamtlichen auch Raum geben, wozu nicht eine Ecke von einem Arbeitsplatz gehört, sondern unter Umständen ein ganzer, vollwertiger Arbeitsplatz. Wo sich Bibliothekarin und Hiwis bisher schon mehr schlecht als recht einen Raum teilen, wird es schwierig, auch noch Ehrenamtliche zu integrieren. Wer längerfristig und verantwortlich mit dem Ehrenamt in der Arbeitsorganisation als Ressource umgehen möchte, der/die darf diese Gesichtspunkte nicht außer Acht lassen.
- Wichtig ist auch der Punkt der Unter- oder Überforderung. So ist es durchaus denkbar, in kleineren Instituten beispielsweise die Bibliotheksaufsicht (teilweise) ehrenamtlich zu besetzen, um die Öffnungszeiten weiter zu gewährleisten oder zu erweitern, in größeren Instituten mit viel Betrieb im Semester ist das weniger denkbar. Hier könnte man eher danach schauen, wo es Tätigkeitsfelder gibt, in denen Ehrenamtliche entweder selbst eingesetzt werden können (z.B. Bücher aufräumen oder leichte Buchreparaturen durchführen) oder Festangestellte in Zeiten geringer Belastung ersetzen können, so dass diese höher qualifizierte Tätigkeiten ausüben können.
- Wer länger mit Ehrenamtlichen arbeitet, sollte auch die Geldseite nicht außer Acht lassen: Es ist möglich, ihnen eine Aufwandsentschädigung zu geben, was für manche durchaus relevant ist. Wen diese Fragen interessieren: Sie sind in einem Beitrag des Buches "Ehrensache?! : Zivilgesellschaftliches Engagement in öffentlichen Bibliotheken" behandelt, welches in der UB unter der Signatur 43 A 15730 zu finden ist.
Die Diskussion um den Einsatz von Ehrenamtlichen sollte sich von zwei Seiten etwas entideologisieren. Zum einen sollte es gewerkschaftlich Orientierten klar sein, dass nicht alle Tätigkeitsbereiche, welche innerhalb der Universität wünschenswert sind, hauptamtlich und professionell erledigt werden müssen. Weiter sollte klar sein, dass das Ehrenamt aber auch kein Jobkiller ist, wie oft unterschwellig unterstellt wird. Auf der anderen Seite sollten jene, welche schnell mit Beispielen zur Hand sind, in welchen Bereichen noch Ehrenamtliche eingesetzt werden könnten, den Aufwand mit in ihre Rechnung aufnehmen, welchen der sinnvolle Einsatz von Ehrenamtlichen mit sich bringt. - Übrigens werden wir wahrscheinlich ganz schnell an der Universität und in den Bibliotheken demnächst die Diskussion bekommen, ob wir 1-Euro-Kräfte einsetzen wollen. Da liegt die Problematik des Einsatzes übrigens ganz ähnlich, vielleicht ist der Punkt der Motivation hier noch schwieriger zu berücksichtigen als beim Einsatz von Ehrenamtlichen.
Kontakt: J. Plieninger, Tel. 29 - 761 41, juergen.plieninger@uni-tuebingen.de
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