Editorial

Die Forschungsgruppe Jugendhilfe und Schule (kurz: JUS) entstand 1997 im Rahmen eines Lehr-Forschungsprojekts zur Schulsozialarbeit. Mit unterschiedlichen Fragestellungen und Forschungszugängen wurde die Kooperationsentwicklung zwischen unterschiedlichen Erbringungsformen der Jugendhilfe einerseits und Schulen andererseits insbesondere an Grund- und Hauptschulen und an Beruflichen Schulen untersucht. Innerhalb der mehr als zehnjährigen Praxisbeobachtungen hauptsächlich in Baden-Württemberg konnten viel­schichtige Feldzugänge realisiert und das fachtheoretische wie fachpraktische Wissen zu diesem Handlungsfeld Sozialer Arbeit auf eine breit fundierte empirische Basis gestellt werden.

Zu einer der gegenwärtig brisantesten bildungspolitischen Aufgaben zählt zweifelsohne die Klärung des Potenzials, das in der Verzahnung schulischer und außerschulischer Bildungsmöglichkeiten liegt. Damit ist ein vielschichtiges Terrain betreten, das von verschiedenen Logiken her erschlossen werden kann:

Bildungstheoretische Überlegungen führen eine notwendige Neugewichtung in Bezug auf Fragen des Lernens vor Augen. Es geht um Fragen einer Aufwertung der Bildungsarbeit, die im Vorschulbereich geleistet wird, um die Frage nach neuen Lernarrangements, wie und wo also Lernen realisiert werden kann, um die Frage des Verhältnisses von formellen, informellen und nicht formellen Lernarrangements, darum, welchen Stellenwert selbstgesteuertes und medial vermitteltes Lernen hat, bis hin zum Auf- und Ausbau von Varianten der Ganztagsschulen und der damit möglichen Zielperspektive einer ganzheitlichen, lebensnahen schulischen Bildung.
Der Zielhorizont – so könnte man die Diskussion analytisch ordnen – ist dabei die Beförderung einer gelingenden Bildungsbiografie. Sie umfasst zwar die Möglichkeiten schulischen Lernens, integriert jedoch zugleich Bildungsprozesse in den lebensweltlich zugänglichen Bildungsorten der Peer Groups, der Medien, der Familien. Eine gelingende Bildungsbiografie qualifiziert sich durch Bewältigungskompetenzen der Mädchen und Jungen im Übergang zwischen gesellschaftlichen Teilsystemen, in ihrer Fähigkeit zur sozialen Integration, in ihren subjektiven Gestaltungskompetenzen sowie in der Kompetenz angesichts rascher gesellschaftlicher Veränderungen lern- und handlungsfähig zu sein.

Sozialpädagogische und sozialpolitische Überlegungen im Rahmen schulbezogener Jugendhilfe betonen die sozialen Aspekte des Schüler-Seins und dessen Bewältigung. Jugendhilfe an der Schule zielt auf einen Ausgleich zwischen systemischen Erfordernissen und lebensweltlichen Anforderungen und Bedürfnissen der Jugendlichen bzw. auf eine Neukonzeption von schulischem Kompetenzerwerb, in dem die Lebensthemen und -interessen der Mädchen und Jungen angemessen berücksichtigt sind. Jedoch ist die Jugendhilfe nicht nur ‚Modernisierungsagent’ für die Schule, sondern erfährt durch die Kooperation mit Schule selbst Entwicklungsimpulse. Durch verschiedene Kooperationsarrangements sind die Jugendhilfeangebote im schulischen Alltag präsent, wodurch sich neue Möglichkeiten des niederschwelligen Zugangs zu den Schülerinnnen und Schülern, den Eltern und den Lehrkräften entwickeln können. Zugleich eröffnen sich Schnittstellen und Aktionsterrains, die Schule als Ort, an dem sich Hilfebedarfe manifestieren, in eine regionalisierte Unterstützungs- und Begleitungsstruktur für junge Menschen integrieren.

Aus diesen beiden Relevanzhorizonten entwickeln sich die Forschungsperspektiven, mit denen wir uns als Forschungsgruppe beschäftigen.

Forschungsperspektiven

Im Kontext der Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Schule dokumentiert die Forschungsgruppe JUS Praxisprozesse, analysiert sie im Hinblick auf gelingende Handlungspraxis und positive Strukturbedingungen und interpretiert sie im Horizont fachlicher, sozialpolitischer und gesellschaftstheoretischer Zusammenhänge. Im Mittelpunkt stehen dabei

  • Fragen der subjektorientierten Nutzung moderner schulbezogener Jugendhilfeangebote,
  • Fragen der subjektorientierten biografischen Unterstützung im Übergang von der Schule in die berufliche Ausbildung und die Erwerbseinmündung,
  • Fragen nach den spezifischen professionellen Handlungskompetenzen an den Schnittstellen von schulischen und außerschulischen Unterstützungs- und Bildungs- und Unterstützungssettings,
  • Fragen der institutionellen Weiterentwicklung der Kooperationsbezüge zwischen Jugendhilfe und Schule,
  • Fragen der Schulentwicklung im Kontext der Stärkung der Einzelschule sowie
  • Fragen nach der strukturellen Absicherung der Kooperationsarrangements, der Qualitätsentwicklung und -sicherung in Schule und Jugendhilfe, aber auch auf der Ebene der kommunalen Schul-, Jugendhilfe- und Sozialplanung.