Abschied vom Sondersammelgebiet Südasien
Gabriele Zeller, UB, Fachreferat und Öffentlichkeitsarbeit
Auf Wunsch der Universität Tübingen hat die UB zum Ende des Jahres 2004 das von ihr über 50 Jahre lang betreute 'Sondersammelgebiet Südasien' (SSG Südasien) an die Deutsche Forschungsgemeinschaft zurückgegeben. In einer öffentlichen Ausschreibung waren daraufhin in Frage kommende Bibliotheken aufgefordert worden, die Weiterführung zu gewährleisten und mit dem Aufbau einer Virtuellen Fachbibliothek zu beginnen.
Diesem Aufruf folgte nach einigem Hin und Her die Universitätsbibliothek Heidelberg, unter deren Obhut sich seit 2003 auch die große und gut bestückte Bibliothek des Südasieninstituts befindet. Dieses Institut bietet mit 8 Professuren ein Vollstudium (also Haupt- und Nebenfach, bzw. zwei Hauptfächer) zu Südasien an. Dort sind neben den Lehrstühlen 'Klassische Indologie' und 'Moderne Indologie' auch die Historiker, Geographen, Ethnologen und andere vertreten, die Kurse mit dem Schwerpunkt auf Südasien anbieten. So ist - bei aller Wehmut und Unverständnis über den Tübinger Ausstieg - die Entscheidung, das SSG Südasien nach Heidelberg zu verlagern, von der Sache her als die beste Lösung anzusehen.
Was die Heidelberger nun alles machen, was sie neu angefangen haben - darüber berichten sie in diesem Heft gesondert. Ich aber möchte hier noch einmal den Blick zurück auf über 50 Jahre SSG Südasien an der UB Tübingen werfen.
Anfänge
Im Juni 1950 hatte die neugegründete 'Deutsche Forschungsgemeinschaft' (DFG) nach längerem Tauziehen zwischen der Bayerischen Staatsbibliothek, der Westdeutschen Bibliothek in Marburg und der Universitätsbibliothek Tübingen, das ursprünglich avisierte Sondersammelgebiet 'Orientalistik', unter dem so verschiedene Fächer wie die 'Arabistik', die 'Indologie', Sprachen Südostasiens und Ozeaniens' bis hin zur 'Sinologie' und 'Japanologie' zusammengefasst sein sollten, zumindest teilweise in die einzelnen Fachgebiete zerlegt und als Sondersammelgebiete auf verschiedene Bibliotheken verteilt. Dadurch kam, neben dem von vorneherein unangefochtenen SSG Theologie, auch die Sondersammelgebiete 'Vorderer Orient' (SSG 6,23) und 'Indologie' (6,24) sowie 'Assyrologie und Keilschriftwissenschaften' (SSG 6,22) an die UB Tübingen.
Die Argumente aus Tübingen hatten sich durchgesetzt, mehrere Standortvorteile sprachen für eine Betreuung dieser Fächer durch die Tübinger Bibliothek: So war diese bereits vor dem Krieg von der Vorgängerinstitution der DFG, der 'Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft', in einen vergleichbaren Sammelplan eingebunden gewesen, ebenfalls mit den Fächern Theologie und Orientalistik (inklusive Indologie). Zum zweiten war die UB Tübingen von Kriegsschäden weitgehendst verschont geblieben und hatte bereits im zweiten Nachkriegsjahr den Leihverkehr wieder aufnehmen können. Und zudem konnte sie auf einen guten Altbestand zurückblicken, der - begonnen vom Göttinger Alttestamentler und Orientalisten Heinrich Ewald - im Wesentlichen dem langjährigen Direktorat des Oberbibliothekars und Professors für Indologie Rudolf von Roth zu verdanken ist, der den Bestandsaufbau der Bibliothek zwischen 1856 und 1895 entscheidend geprägt hatte.
Das Sondersammelgebietsprogramm der DFG
Das Bibliotheksförderprogramm der DFG und insbesondere die Idee der Sondersammelgebiete wäre eine eigene Abhandlung wert. Hier möchte ich nur einige Grundzüge nennen, die trotz zeitbedingter Anpassung als roter Faden erkennbar bleiben.
Zum einen geht es grundsätzlich um ausländische und um hoch spezielle Literatur - also um solche Zeitschriften, Bücher und andere Medien, die nicht an jeder Universität zu erwarten sind, selbst dann nicht, wenn das betreffende Fach an der Universität gelehrt wird. Diese sollen jedoch, um eine international erfolgreiche Forschung zu ermöglichen, verlässlich mindestens einmal in Deutschland für die Wissenschaft zur Verfügung stehen. Da Deutschland keine zentrale Nationalbibliothek analog der 'British Library' oder der 'Bibliothèque Nationale' besitzt, war schon früh die Idee entstanden, sogenannte 'Sondersammelgebiete' an verschiedenen großen Bibliotheken einzurichten, die entsprechend ihrer Stärken die ihnen übertragenen Fachgebiete mit Hilfe der DFG zu größtmöglicher Vollständigkeit ausbauen sollten.
Das zweite Stichwort ist die überregionale Verfügbarkeit, die sich unmittelbar aus dem ersten Punkt ergibt. Die Sondersammelgebietsbibliotheken verpflichten sich, die mit Hilfe der erheblichen Finanzmittel der DFG erworbenen Bestände im überregionalen Leihverkehr zur Verfügung zu stellen.
Die DFG hat den Sondersammelgebietsplan in sogenannten 'Denkschriften' und 'Richtlinien zur Abgrenzung der Sondersammelgebiete' immer wieder überarbeitet und geschärft, zum ersten mal bereits 1960. Wie sich die Bibliotheksförderung, eingebettet in die Förderung 'Wissenschaftliche Literatur- und Informationsversorgungssysteme', inzwischen darstellt, erfährt man auf der Homepage der DFG unter http://www.dfg.de/forschungsfoerderung/wissenschaftliche_infrastruktur/lis/index.html
Wir kehren nun zurück zur UB Tübingen und dem Sondersammelgebiet Indologie.
SSG Indologie von 1950 bis 1970
Der Bestandsaufbau der Tübinger Sondersammelgebiete in der ersten Zeit war zunächst geprägt vom Versuch, die Lücken bei den vorhandenen ausländischen Zeitschriften nachträglich zu schließen und wichtige ausländische Monografien zu erwerben. Zunächst geschah dies noch über Anforderungslisten, die man bei der DFG einreichen konnte. Von diesem umständlichen Verfahren kam man jedoch rasch ab und die Bibliothek konnte bereits 1954 Monografien und ab 1957 die sogenannten A-Zeitschriften mit Hilfe eines Verfügungsbetrages direkt erwerben, natürlich unter Beachtung der von der DFG aufgestellten Richtlinien.
Aus einem Schreiben vom 21.10.1949 erfährt man, dass die orientalistischen Fächer von dem Altphilologen und Bibliotheksrat Dr. Willibald Staudacher (1914 - 1950) mit betreut wurden [ 1 ]. Seit 1952 arbeitete Dr. Emil Kümmerer als wissenschaftliche Hilfskraft in der Bibliothek und wurde 1954 als erster Fachreferent für Orientalistik übernommen. Kümmerer betreute als Arabist alle orientalistischen Sondersammelgebiete - also sowohl 'Sprachen und Kulturen des Vorderen Orient' (SSG 6,23), 'Indologie' (SSG 6,24) und 'Assyrologie und Keilschriftwissenschaften' (SSG 6,22). Ihm zur Seite stand für die Indologie der Vater des oben erwähnten, im Alter von 36 Jahren verstorbenen Altphilologen Staudacher, der Bibliotheks-Oberinspektor i.R. Dr. h.c. Willibald Staudacher (1881 - 1973). Dieser war ein indologischer Autodidakt und half bei der Erschließung der indologischen Bestände bis zu seinem 75. Geburtstag im Jahre 1956 tatkräftig mit. Daneben musste man sich aber häufig an das indologische Seminar wenden, wenn Buchtitel in indischen Originalsprachen und -schriften katalogisiert werden mussten. Die personelle Situation auf allen Ebenen wurde gegen Ende der Fünfziger Jahre immer prekärer, nachdem man durch die von der DFG großzügig bereitgestellten Mittel immer umfassender in allen orientalistischen Fächern Bücher und Zeitschriften erwerben konnte. Eine von der DFG in Auftrag gegebene 'Denkschrift zur Lage der Orientalistik'[ 2 ] zeigte jedoch rasch Wirkung. Es wurden - wie empfohlen -in den beiden großen Staatsbibliotheken in München und West-Berlin Orientabteilungen eingerichtet und auch für die anderen Bibliotheken mit orientalistischen Beständen, darunter Tübingen, kommt man den Empfehlungen von Seiten der Unterhaltsträger insofern nach, als weitere einschlägig ausgebildete Fachreferentenstellen eingerichtet werden und darüber hinaus zusätzliches Personal in den Bearbeitungsabteilungen bewilligt wird.
Tübingen erhält 1960 neben einer ganztägigen Schreibkraft eine Diplom-Bibliothekarin speziell zur Bearbeitung der Orientalia in der Titelaufnahme. Im Jahresbericht 1958/59 kündigt der neue Direktor der Bibliothek, Walter Gebhardt an, dass wohl bald eine zweite Referentenstelle mit einem Indologen besetzt werden kann. 1961 wird dann aber eine Bibliotheksassessorin eingestellt, die nicht Indologin, sondern Iranistin ist und den Bereich Iranistik und Islamkunde innerhalb des Sondersammelgebiets 'Vorderer Orient' übernimmt. Für das Sondersammelgebiet Indologie behilft man sich weiterhin und immer stärker mit Hilfskräften.
SSG Südasien von 1970 bis 1990
In den Siebziger Jahren hat sich der Bedarf an Literatur aus und über Südasien stark verändert, immer mehr gerieten die modernen Sprachen Indiens in den Blickpunkt, die Wissenschaft beschäftigte sich zunehmend auch mit den kleineren Ländern Südasiens und interdisziplinären Fragestellungen. Die DFG reagierte darauf indem sie in einer neuen Denkschrift die orientalistischen Sondersammelgebiete als sogenannte 'Regionale Sondersammelgebiete' definierte, in denen in breitem Umfang nicht mehr nur Texte und Grammatiken der Sprachen und Literaturen, sondern länderkundliches Material aus fast allen Wissenschaftsgebieten, sofern es speziell die betreffende Region betraf, gesammelt werden sollte. Das Sondersammelgebiet 'Indologie' wurde folgerichtig bald auch in 'Sondersammelgebiet Südasien' umgetauft, um auch nach außen hin die veränderte Stoßrichtung deutlich zu machen.
Personell ging dieser inhaltliche Aufbruch einher mit der erstmaligen Besetzung einer wissenschaftlichen Bibliothekarstelle durch einen Indologen.
Dr. George Baumann, ein Absolvent des 1962 gegründeten Südasieninstituts in Heidelberg, war Mitte 1973 als wissenschaftlicher Angestellter für die Betreuung des SSG Indologie angestellt worden. Nach Absolvierung seines Bibliotheksreferendariats wurde er 1975 der dritte Fachreferent im "Orient", wie die eher virtuell denn faktisch vorhandene Orientabteilung unter Leitung von Dr. Kümmerer genannt wurde. Doch schon bald zeigte sich, dass auch dies nicht ausreichte, wollte man der zahlenmäßigen Fülle der indischen und indologischen Veröffentlichungen und der Vielfalt der Sprachen des indischen Subkontinents Rechnung tragen. Schon 1978 stieß Dr. Karl-Heinz Grüßner hinzu, ein Linguist und Spezialist für südindische Sprachen sowie Kenner einiger indischer Stammessprachen.
Während der Siebziger Jahre wuchsen die Erwerbungen im Sondersammelgebiet Südasien stark an. Bald wurde ein 'blanket order'-Abkommen für die englischsprachige wissenschaftliche Literatur Indiens mit einem indischen Lieferanten abgeschlossen. Die Referenten kümmerten sich nun vor allem auch um die Erwerbung von Literatur in den indischen Regionalsprachen, denn erstmals konnte diese Literatur im Haus auch ohne fremde Hilfe weiter verarbeitet werden. Auf Einkaufsreisen konnten die beiden Referenten auch solche Literatur erreichen, die nicht über den Buchhandel zu bekommen war. Gleichzeitig wurden Kontakte zu Buchhändlern und Institutionen in der Region geknüpft, die letztendlich ausschlaggebend für ein immer besseres Funktionieren der Belieferung waren. Eine weitere wichtige Aufgabe der Referenten war für lange Zeit die Lückenergänzung wissenschaftlicher ausländischer Literatur aus den Vorkriegs-, Kriegs- und ersten Nachkriegsjahren.
In der Bibliothek waren alle Abteilungen vom Aufschwung der orientalistischen Sondersammelgebiete betroffen (auch im SSG Vorderer Orient hatte es weitere personelle Verstärkung gegeben), angefangen von der Poststelle über die Buch- und Zeitschriftenakzession hin zur Titelaufnahme und Fernleihe. Teilweise hatte es auch dort personelle Aufstockungen gegeben, um den Mengen des zu verarbeitenden Materials gerecht zu werden. Die Idee einer Orientabteilung mit eigenem Geschäftsgang und eigenem Personal war eine Weile verfolgt worden und es gab außer den fünf Fachreferenten zwei Personen zur Vorakzession und zum Ausschreiben der Bestellungen. Zur Unterstützung der Fachreferenten in der Transliterierung von Titeln in den indischen Regionalsprachen gab es auch immer wieder Hilfskräfte, grundsätzlich blieb die Katalogisierung der SSG Bestände jedoch in der Abteilung Titelaufnahme angesiedelt.
SSG Südasien von 1990 bis Ende 2004
Bis Ende der Achtziger Jahre konnten die Erwerbungen für das SSG auf hohem Niveau gehalten werden, die Bearbeitung hinkte zwar teilweise hinterher, es konnten aber immer wieder Projektmittel für die Bearbeitung einzelner Bestände eingeworben werden. Auch wurde im Oktober 1989 mit der Autorin dieses Rückblicks eine weitere indologisch ausgebildete Person auf eine frei gewordene Fachreferentenstelle eingestellt.
Gleichzeitig nahm aber das Unbehagen über die starke Konzentration der Bibliothek auf die arbeitsintensiven orientalistischen Sondersammelgebiete seitens der Bibliotheksleitung zu. Der Zwiespalt einer Universitätsbibliothek, die einerseits ihr universitäres Klientel versorgen muss und andererseits mit den Sondersammelgebieten weitreichende überregionale Funktionen wahrnimmt wurde immer schmerzhafter empfunden, vor allem im Bereich des Personals, für das es - abgesehen von punktuellen und zeitlich befristeten Projekten - keinerlei Kompensation seitens der DFG gab. Zunächst reagierte man darauf, indem die Fachreferenten der orientalistischen SSGe jeweils noch eines oder mehrere Fächer außerhalb des SSG sowie ssg-unabhängige Verwaltungsaufgaben übernahmen.
Eine kurzfristige Entlastung in den Bearbeitungsabteilungen brachte die aus politischen Gründen erzwungene Abgabe des SSG Vorderer Orient / Nordafrika, das ab 1997 von der Universitätsbibliothek Halle weiter geführt wurde.
Ferner verzichtete man nach und nach bei den Anträgen an die DFG auf eine eigentlich notwendige prozentuale Erhöhung der Erwerbungsmittel für das Folgejahr, um einerseits den eigenen Etat zu schonen - pro angeforderter DM (Euro) mußten 0,25 Pfennig (Cent) aus Landesmitteln dazu gegeben werden - und andererseits um die Belastungen beim Personal in den Abteilungen nicht weiter steigen zu lassen.
Dank Straffungen beim Erwerbungsprofil bei der englischsprachigen länderkundlichen Sekundärliteratur sowie dem Einsatz von digitalen Fremdleistungen konnte bis zuletzt ein hohes Niveau beim Bestandsaufbau und -bearbeitung aufrecht erhalten werden, wie die weiterhin sehr positiven Erfüllungsquoten der Fernleihbestellungen bestätigen - auch nach ersatzlosem Wegfall einer Fachreferentenstelle nach der Pensionierung von Dr. Baumann Mitte 2001.
Allein, die seit Ende der Neunziger Jahre immer dringender anstehenden Neuerungen in Bezug auf eine aktivere fachliche Informationsvermittlung (Stichwort: Virtuelle Fachbibliothek) konnten in einem solchen Klima der Personalknappheit und allgemeiner 'Orient-Müdigkeit' seitens der Bibliotheks- und Universitätsleitung nicht in Angriff genommen werden.
Mit einer von allen Seiten - vor allem aber der Universitätsleitung als Unterhaltsträgerin - positiveren Einstellung zu dieser auf dem europäischen Festland einmaligen, über 150 Jahre hinweg gewachsenen Sammlung an indologischer Primär- und Sekundärliteratur, hätte man diese durchaus auch als 'Pluspunkt' der Universität, anstatt als 'Klotz am Bein' verbuchen können und sich aller Ressourcenknappheit zum Trotz den neuen Aufgaben stellen können. So war es aber nur folgerichtig, dass man sich angesichts einer erneuten "Sparrunde" 2003 dazu entschloss, das SSG Südasien zum Ende 2004 an die DFG zurück zu geben.
Die Fortsetzung folgt nun in Heidelberg und ich wünsche den Kolleginnen und Kollegen des Südasien-Instituts und der UB Heidelberg, dass sie ihre neuen Vorhaben ebenso, wie die alltägliche Arbeit des Bestandsaufbaus und der -erschließung in einem positiven Klima umsetzen können und dass das Sondersammelgebiet mit seinen neuen und alten Angeboten mehr als bisher im Bewusstsein der Fachwissenschaftler präsent sein möge.
Kontakt: G. Zeller, Tel. 29 - 74030, gabriele.zeller@ub.uni-tuebingen.de
Fußnoten:
[ 1 ]
UAT 167/217 Schreiben vom Bibliotheksdirektor Hoffmann an das Kultusministerium
[ 2 ]
Denkschrift zur Lage der Orientalistik / im Auftr. d. Deutschen Forschungsgemeinschaft u. in Zsarb. m. zahlr. Fachgelehrten hrsg. von Adam Falkenstein. - Wiesbaden, 1960. - (Denkschrift zur Lage der Deutschen Wissenschaft;6)
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