Inhaltszusammenfassung:
Während im deutschen Bildungskontext häufig Gemeinsamkeiten und Gleichstellung zwischen kulturellen Gruppen betont werden, können multikulturelle Überzeugungen von Lehrkräften, die individuelle kulturelle Hintergründe und Unterschiede stärker berücksichtigen, ergänzend fungieren. Vor diesem Hintergrund untersuchte die vorliegende Dissertation vier Forschungsfragen: erstens die Entwicklung und Validierung eines Instrumentes zur Erfassung multikultureller Überzeugungen in verschiedene Dimensionen des schulischen Kontexts, zweitens die Entwicklung multikultureller Überzeugungen im Verlauf eines Langzeitpraktikums, drittens den Zusammenhang zwischen wahrgenommenen Diskriminierungserfahrungen und multikulturellen Überzeugungen sowie viertens die Identifizierung weiterer Einflussfaktoren auf die Überzeugungsentwicklung im Rahmen des Praktikums. Zur Beantwortung dieser Fragen wurden vier Teilstudien durchgeführt und die Datenerhebung erfolgte zwischen dem Sommersemester 2022 und dem Wintersemester 2022/23 an der Universität Tübingen. In der ersten Teilstudie wurde ein Messinstrument zur Erfassung multikultureller Überzeugungen mit fünf Dimensionen identifiziert: gesellschaftliche Werte und Erziehungsziele, Lehrkräfteausbildung, Selbstwirksamkeitsüberzeugungen als Lehrkraft, Lernende sowie Unterrichten. Die Ergebnisse zeigen, dass sich insbesondere die Überzeugungen zur multikulturellen Lehrkräfteausbildung im Verlauf des Langzeitpraktikums mit mittlerer Effektstärke verstärkten. Demgegenüber waren die Überzeugungen zum multikulturellen Unterrichten sowohl vor als auch nach dem Praktikum vergleichsweise neutral ausgeprägt. Hinsichtlich der Bedeutung von Diskriminierungserfahrungen zeigte sich, dass in der Schulzeit beobachtete Diskriminierungen im öffentlichen Raum positiv mit multikulturellen Selbstwirksamkeitsüberzeugungen als Lehrkraft zusammenhingen. Zudem wirkten sich während des Langzeitpraktikums wahrgenommene Diskriminierungserfahrungen positiv auf die Dimension des multikulturellen Unterrichtens aus. Die qualitative Analyse verdeutlichte darüber hinaus, dass der Austausch mit anderen Akteurinnen und Akteuren, Beobachtungen schulischer Praxis sowie die daraus resultierende Reflexion zentrale Impulse für die Entwicklung von Überzeugungen im Umgang mit kultureller Heterogenität im schulischen Kontext darstellen. Die Ergebnisse legen nahe, multikulturellen Umgang mit Diversität stärker in der Lehrkräftebildung zu verankern. Dabei sollten in der universitären Lehrkräftebildung insbesondere praktische Handlungsoptionen thematisiert werden, die darauf abzielen, kulturelle Heterogenität in den Unterricht zu integrieren, ohne individuelle kulturelle Hintergründe vordergründig hervorzuheben. Insbesondere sollten angehende Lehrkräfte gezielt Möglichkeiten erhalten, vielfältige direkte und indirekte Erfahrungen im Umgang mit kultureller Heterogenität als Fallbeispiele zu sammeln, sich mit Ungleichbehandlungen von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund auseinanderzusetzen und diese durch strukturierte Reflexionsangebote in eigene Überzeugungen sowie mögliche Handlungsoptionen zu überführen.