Inhaltszusammenfassung:
Die vorliegende Dissertation untersucht die Rolle des Schlafs bei der Konsolidierung, Stabilisierung und Anpassung sozialer Überzeugungen. Dabei stand insbesondere im Fokus, wie Schlaf selbstbezogene und fremdbezogene Überzeugungen beeinflusst und inwieweit er adaptive Anpassungsprozesse innerhalb sozialer Kognitionen unterstützt.
In einem experimentellen Studiendesign wurden 59 gesunde, junge Erwachsene randomisiert einer Schlaf- oder Wachgruppe zugeteilt. Das Studiendesign umfasste drei Testphasen. Zu Beginn bewerteten die Teilnehmenden in einer sozialen Lernaufgabe ihre eigenen Schätzfähigkeiten sowie die der anderen Person und erhielten daraufhin teils eher positives, teils eher negatives, jedoch manipuliertes Feedback. Dieses Feedback wurde im Rahmen einer Coverstory als Echtleistung dargestellt, um soziale Lernprozesse realistisch zu simulieren. Nach der ersten Phase folgte für die Schlafgruppe eine polysomnographisch überwachte Nacht, während die Wachgruppe tagsüber wach blieb. Anschließend erfolgte eine Umlernphase, bei der die Feedbackzuteilungen vertauscht wurden, um eine Neubewertung der zuvor gelernten Überzeugungen zu induzieren. Drei Wochen später fand ein Follow-up statt, um langfristige Veränderungen in der Verarbeitung sozialer Informationen zu erfassen. Während des gesamten Experiments wurden neben den Leistungserwartungen auch psychologische Variablen wie depressive Symptome, Selbstwertgefühl und soziale Angst erhoben, um individuelle Unterschiede in der Verarbeitung sozialer Informationen zu berücksichtigen.
Die Ergebnisse zeigten, dass Schlaf selbstbezogene Überzeugungen weitgehend stabilisierte, unabhängig vom Feedback, was auf eine enge Verknüpfung mit dem stabilen Selbstkonzept hinweist und diese Überzeugungen weniger anfällig für kurzfristige Veränderungen macht. Fremdbezogene Überzeugungen erwiesen sich als flexibler. Negative Einschätzungen anderer wurden nach dem Schlaf positiver bewertet, was auf eine adaptive Neubewertung sozialer Informationen hinweist. Diese Effekte nahmen jedoch über die Zeit ab und waren nach einem längeren Zeitraum nicht mehr nachweisbar. Explorative Analysen zeigten zudem, dass individuelle Unterschiede in depressiven Symptomen, Selbstwertgefühl und sozialer Angst die Art der Überzeugungsbildung beeinflussten. Höhere Depressionswerte förderten die Verfestigung negativer Fremdüberzeugungen, während höheres Selbstwertgefühl mit größerer kognitiver Flexibilität und positiveren Neubewertungen einherging.
Die Befunde legen nahe, dass Schlaf kognitive Schemata stabilisiert und gleichzeitig flexible Anpassungen sozialer Bewertungen ermöglicht. Dies hat wichtige Implikationen für psychische Störungen wie Depression oder soziale Angst. Die Arbeit liefert wertvolle Erkenntnisse zu den Wechselwirkungen von Schlaf und sozialer Kognition und weist zudem auf das Potenzial therapeutischer Schlafinterventionen hin.